Jetzt mach ich’s mir selbst…


Statt eine Fachwerkstatt damit zu beauftragen Dinge zu verpfuschen, kann man sie preiswerter auch selbst ruinieren…

Werkzeug kann man in der Schublade verrosten lassen, es dekorativ an die Wand hängen, um bei Hausbesichtigungen zu plakatieren: "Hab ich nicht wunderschönes Werkzeug" ("wunderschön" ist hier mit "unbenutzt" zu ersetzen) oder man kann mal versuchen, es dafür zu benutzen, wofür es gedacht ist – zum Arbeiten. Die Überraschungen, die man dabei mit hochglanzverchromten Baumarkt-Dekorationsartikeln erlebt, sind es allemal wert. Ein Artikel für Aspiranten zum Werkzeugfetischisten…

Schrauberei…

Wenn einer anfängt selber zu schrauben, hat das meistens einen Grund: Kohle. Man legt heutzutage in Werkstätten für ein kleines Service richtig viel Geld ab. Das ist ja soweit auch OK, die müssen auch von was leben. Und nicht umsonst ist Mechaniker ein Lehrberuf. Es braucht schließlich einiges an Fachwissen und angeeigneten Vorurteilen, um ein Motorrad so gründlich wie eine Fachwerkstatt zu verpfuschen.

Billiger ist dann nur eines – selber verpfuschen…
Macht auch viel mehr Spaß.

Diese Seite soll vor allem die Schwellenangst vorm selber Schrauben nehmen. Bei allem gibt es ein erstes Mal, man muß halt defloriert werden. Nach kurzer Zeit kommt man drauf, das es gar nicht so schwer ist, einen Motor zu zerlegen, hat erste Erfolgserlebnisse und macht fürderhin alles selber. Nachdem bei mir dieser Umstieg noch gar nicht so lange her ist will ich hier ein paar Tipps für den Einstieg geben.
Hier einige Projekte, die über die üblichen Wartungsarbeiten hinausgehen:

Generalüberholung eines Jawa 638 Motors
Generalüberholung eines Yamaha SR 500 Motors
das Jawanische Projekt

Lehrmeister

Ideal ist es, wenn man beim ersten Projekt jemanden hat, der vom Fach ist und den man fragen kann, wenn man ansteht. Allerdings, beim Zuschauen lernt man nur bedingt – Selbermachen ist angesagt! Zur Not geht es aber auch so. Halt mit kleineren Sachen anfangen und sich steigern – die Lernkurve ist manchmal enorm. Ein Wartungshandbuch für das jeweilige Modell ist nahezu Pflicht – beliebt ist hier die Reihe des Bucheli Verlages - Jetzt mach ichs mir selbst... (oder so ähnlich)
In diesen Büchern sind nämlich alle Arbeitsschritte (die ein richtiger Mechaniker eigentlich auswendig kennen sollte) schon abfotografiert und damit leichter verständlich als "ziehen Sie Nippel A durch Lasche B"
Ein heisser Tipp sind auch Foren, allerdings muß man die Information filtern, weil auch viel Schwachfug verbreitet wird. Nach einer Zeit des Mitlesens, erkennt man die, die wissen wovon sie reden oder hält sich an die, die wirklich aus eigenen Erfahrungen sprechen. Mimose darf man keine sein – die Schwachsinnverzapfer, die gar net wissen wovon sie reden und die auch gar net helfen wollen sondern nur blöd die Pappn aufreissen weils im Indernetz anonym san, überwiegen leider.
Natürlich wird man irgendwann einen Fisch drehen und was vermurxen. Das gehört dazu. So lernt man (leider nicht in manchen Werkstätten, die machen den selben Murx immer und immer wieder).

Ordentliches Werkzeug

Am Anfang hat praktisch jeder so was in der Art wie den linken Schlüssel zu Hause:

Am besten man kübelt das Zeug und geht sich was Gscheites kaufen. Mit Schrott kann man nicht mal Ölwechseln ohne Stunden zu brauchen und alles zu ruinieren. Abgesehen davon ist gutes Werkzeug etwas sehr Geiles, so wie der Stahlwille Schlüssel rechts – er wiegt etwa ¼ des linken, ist aber viel robuster und eine Anschaffung fürs Leben. Gabelschlüssel braucht man übrigens nur für ein paar Sachen wo man anders nicht dazu kommt und sind der Klassiker um Schrauben zu vernudeln. Besser also Nuß oder Ringschlüssel und wenn Gabel dann nur die allerbeste Qualität.

Nußsätze

Was braucht man also wirklich? Einen gscheiten Nußsatz auf jeden Fall, mit dem arbeite ich in 80% der Fälle weil er universell einsetzbar ist. Es gibt zwei Möglichkeiten. Wenn man nur an Motorrädern schraubt sind Sätze mit 3/8" Antrieb praktisch weil alle gängigen Größen mit einr Ratsche abgedeckt sind.
Mir ist allerdings eine Kombination aus ¼" und ½" lieber. Im gängigen Bereich von 10 - 13mm habe ich so zwei Wahlmöglichkeiten, entweder zart oder mit Kraft. Und eine 32er Nuß wie ich sie bei der SR für das Kettenritzel brauche geht auch mit ½" Antrieb besser.


Unbrauchbar: Finger weg von solchen Chinesensätzen vom Lebensmitteldiskonter oder aus dem Baumarkt. Die funkeln zwar recht hübsch. Aber an einem Motor sollte man damit nicht herummurxen. 100 brauchbare Teile für nur 19,90 € – das spielts definitiv nicht. Die Nüße rosteten schon im Koffer, die Bits waren extrem bruchgefährdet und splitterten wie kleine Handgranaten und die Toleranzen der Maulweiten an den Schlüsseln so hoch daß ein Abrutschen unvermeidlich war. Der abgebildete Satz mußte übrigens auf Geheiß des TÜV vom Anbieter (ein Lebensmitteldiskonter) aus dem Verkehr gezogen werden. Er erfüllt nicht einmal die (geringen) gesetzlichen Mindestanforderungen, geschweige denn die DIN. Er ist echt gefährlich.

Gerade bei den Stecknüssen gibt es enorme Qualitätsunterschiede. Wie gesagt – Finger weg von hochglanzverchromten Lebensmitteldiskonter- oder Baumarkt-Sonderangeboten. Ordentliches Werkzeug kostet was. Punkt. Man kann sich natürlich für ca. 500,- € mit Stahlwille oder Hazet ausrüsten, es geht aber auch zu vernünftigen Preisen, Proxxon z.B kostet ca. 80 Euro für den Kombinierten ¼" und ½" Satz oder 50 Euro für den 3/8" Satz. Billiger gibts nix Ordentliches, so viel ist sicher, für den Hausgebrauch (wenn man nicht grad vorhat Flugzeugtriebwerke zu warten), langt das.

Einsteigerklasse: Der Proxxon-Industrial Satz ist die preiswerteste Möglichkeit für vernünftiges Arbeiten. Immerhin garantiert Proxxon 2 Jahre dafür, auch bei gewerblichem Einsatz. Schon mit rund 80,- € ist man dabei.


Die Königsklasse: Solche Stahlwille-Sätze werden aufgrund ihrer Präzision vor allem in der Luft- und Raumfahrtindustrie eingesetzt. Ab 300,- € für eine kleine ½" Garnitur ist man mit dabei, für den Privatanwender sind sie aber gar nicht so einfach zu bekommen. Alternativen wären z.B. auch Hazet oder Gedore – allerdings sind sie kaum preiswerter. Die mancherorts hochgelobten amerikanischen Snap-on funkeln zwar schön und sind auch extrem teuer, ob diese in Fernost produzierten "amerikanischen" Werkzeuge der deutschen Präzision ebenbürtig sind, wird von manchen Fachleuten aber heftig bezweifelt.

Woran erkennt man gute Qualität? Gar nicht so leicht. Minderwertiger Stahl lässt sich entweder im Labor oder beim Arbeiten erkennen. Mißtrauisch werde ich immer wenns zu sehr glänzt. Profiwerkzeug hat meistens eher eine matt verchromte Oberfläche und ist nur dort wo's Sinn macht poliert. Die matte Verchromung hat den Vorteil, das man mit öligen Fingern nicht so leicht abrutscht. Hochglanzverchromte Nüsse taugen meist nur als Dekorationsartikel. Auf jeden Fall sind grober Guß, schlampige Verarbeitung, schon im Neuzustand klapprige Ratschen ein Indiz. Wenn man Markenwerkzeug kauft, kann man nicht viel falsch machen, bei NoNames braucht man schon sehr viel Erfahrung. Werkzeug kauft man nicht aus dem Baumarkt Wühltisch. Und Werkzeug braucht man zum Arbeiten, nicht zum dekorieren. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Ein Verwandter von mir ist so ein Fall. Er präsentierte mir einen wirklich schwer beeindruckend und wichtig aussehenden Nußsatz einer Baumarkt-Hausmarke. Das Ding war wirklich toll. Alle Nüsse in Samt oder so ähnlich, das glitzerte und blinkte wie ein Puff. Auf meinen Lachanfall reagierte er etwas indigniert. Zum Glück wird er wahrscheinlich nie damit arbeiten…

Also bitte - was ordentliches. Mit Gelump machts wirklich keinen Spaß.

Links eine Baumarktnuß, zwar funkelnd und glänzend aber schon nach nur einmal verwenden in den Ecken vernudelt. Die rechte Nuß stammt von Gedore und ist schon einige Jahre alt und immer noch wie neu.

Ganz wichtig: Nur Nüsse mit sogenanntem Flankenantrieb kaufen, damit vernudelt man die Muttern nicht so sehr, weil die Kraft auf die Flächen der Mutter übertragen wird und nicht auf die Ecken wie bei billigen Zeugs. Zu erkennen an den balligen Flanken und den eher hohlen Ecken (die rechte Nuß ist so eine, die linke schlicht vernudelt). Das billige Nüsse die Muttern vernudeln ist auch einfach einzusehen: Sie haben so hohe Maßtoleranzen, daß die Nuß nicht richtig paßt. Eine gute Nuß paßt saugend. Dann und nur dann, kann man enorme Kräfte auf die Mutter übertragen. Da ergibt sich dann auch das rostigste Teil knirschend in sein Schicksal.

Schraubenschlüssel

Preiswerte Schraubenschlüssel gibts leider nicht. Dafür ist Mist leichter zu erkennen als bei Nüssen, Grober Guß, schlampig entgratet, schlechte Oberfläche. Selbst bei Stubai, einer Firma die hervorragende Stähle schmiedet hat es in der Vergangenheit solche Schlamper-Schlüssel gegeben. Allerdings haben die Dinger aufgrund der Stahlqualität offensichtlich das ewige Leben.
Was braucht man. Doppelgabelschlüssel eigentlich nicht, wenn, dann nur in Top-Qualität als Luxus für die paar Sachen die anders nicht gehen, z.B. Bowdenzugspanner. Gabel-Ringschlüssel sind sehr praktisch für unterwegs, aber auch ein Muß für die Grundausstattung - mehr braucht man eigentlich nicht. Gekröpfte Doppelringschlüssel sind eine gute Ergänzung, die braucht man immer wieder, weil man mit ihnen auch bei schlecht zugänglichen Stellen gut und nudelfrei arbeiten kann.
Üblich sind Sätze von 6 – 19mm, am Motorrad braucht man aber noch zusätzlich 20, 22, 24 und eventuell größer, bis zu Schlüsselweite 32 oder gar 34 je nach Type (Ritzelmutter).

Noch ein paar Worte zur Qualität: Stahlwille ist auf diesem Sektor ziemlich allein. Die Schlüssel sind einerseits leicht, leichter als der Mitbewerb (vor allem bei den Großen) anderseits extrem beanspruchbar. Sie sitzen aufgrund enger Toleranzen hervorragend auf den Schraubenköpfen und greifen sich ganz eigen an – ich kenne nichts vergleichbares. Einen Stahlwille hat man sein Leben lang! Da relativiert sich dann auch schnell der Preis – ein Stahlwille kostet in der Regel soviel wie anderswo der halbe Satz. Aber selbst mir ist es noch nicht gelungen, mit den ultra-präzisen Stahlwille-Schlüsseln eine Schraube ernstlich zu vernudeln. Proxxon ist auch hier die Budget-Variante. Preiswerter (ich schreib bewußt nicht billig) wird man nirgends eine vernünftig verwendbare Qualität bekommen. Andere Mütter haben natürlich auch schöne Kinder, ob sie nun Hazet, Gedore, Proxxon oder Stubai heissen…

Und sonst…?

Was man halt so braucht…

Ein paar ordentliche Hämmer (vor allem für Harleys, die werden damit offensichtlich hauptsächlich zusammengebaut – siehe die TV-Serie "American Choppers")

Schraubenzieher… (der Orange ist genial, mit Ratsche für Bits, damit kommt man überall ran)

Inbusschlüssel … da bevorzuge ich T-Griffe, aber Vorsicht, damit kann man enorme Kraft aufbringen und sehr schnell ein Gewinde ausreissen

und Zangen. Die Beisszange ist auch wichtig, zum Splinte rausholen. Von den ach so beliebten Wasserpumpenzangen halt ich nix, damit vermurxt man nur alles.

Und einen ordentlichen Drehmomentschlüssel, den man am besten in Samt bettet und hütet wie einen Schatz. Die Dinger werden leider sofort ungenau, wenn man damit herumklopft. Meinen darf keiner angreifen…

Ausserdem praktisch: WD40 (gehört für mich zum Werkzeug) ein Universalöl, eine Pump-Ölkanne mit Motoröl, Ventileinstellehre und abgesägter Inbus, Cutter, Schere, Schiebelehre und Micrometerschraube, Winkelhaken und alles wofür man Geld hat und woran man Freude hat...

Zu guter Letzt - meine Werkstatt

Klingt doch alles so, als ob ich jetzt die perfekt eingerichtete Profi-Werkstatt mit Hebebühne und allem PiPaPo hätte. Na ja, als Hebebühne hab ich den Hauptständer (den man spätestens beim selberschrauben schätzen lernt).
Und meine Werkstatt ist ein Wagerl mit Werkzeug. Thats it!

Probierts es mal, es ist wirklich nicht schwer, wenn man mal ein paar Grundlagen erlernt hat. Es spart Geld und so sorgfältig wie ich jedes abgebaute Trumm reinige und poliere bevor ich es wieder einbaue wird es keine Werkstatt machen. Pannen unterwegs verlieren ihren Schrecken, wenn man sein Radl schon mal zerlegt hat. Und mit gutem Werkzeug macht das Ganze wirklich Spaß, es ist ein Genuß präzise zu arbeiten.

Viel Spaß!

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